Neue Gottesdienste

Quelle: Evang. Bezirksjugend Kehl
"Da gibt's ja gar keine Liturgie!" Halb erstaunt, halb entrüstet werden neue Gottesdienstformen bisweilen so kommentiert. Kein Choral wurde gesungen! Die Orgel spielte keine Rolle! Die Pfarrerin trug nicht einmal einen Talar! Und selbst das Vaterunser fehlte! Ist das überhaupt noch ein Gottesdienst?

Was macht einen Gottesdienst zum Gottesdienst?
Martin Luther hat es in zwei Worten zusammengefasst: „Gottes Wort" und „Gebet" machen den Gottesdienst. Gott redet mit uns und wir reden mit Gott. Oder abstrakt: Gottesdienst ist Kommunikation zwischen Gott und Menschen (Plural!). Eine Definition, die viel Freiraum lässt für die konkrete Ausgestaltung. Neue Gottesdienstformen nutzen diese evangelische Freiheit. In etwa zehn Prozent aller badischen Gemeinden sind sie als so genanntes „zweites Programm" inzwischen fest etabliert. Sie wollen den traditionellen Gottesdienst nicht abschaffen, sondern ergänzen. Denn viele Zeitgenossen können mit der tradierten Form des Gottesdienstes nichts anfangen. Sie sind nie hineingewachsen in die Sprache der Lutherlieder oder der Choräle – von der Liturgie ganz zu schweigen. Gottesdienst ist für sie terra incognita, Neuland, das mit gemischten Gefühlen betreten wird, wenn es denn – beispielsweise bei einer Taufe – betreten wird: Warum stehen plötzlich alle auf? Und warum sitzen auf einmal alle wieder? Was soll ich mit dem Gesangbuch, ich kenne die Lieder sowieso nicht!

Wie viel Liturgie gehört dazu?
Wo eine Gemeinde für ihren Alternativgottesdienst als primäre Zielgruppe Menschen wählt, die mit den traditionellen Formen nicht vertraut sind, weichen Wechselgesänge, komplizierte liturgische Abläufe und die musikalische Sprache des 16. bis 19. Jahrhunderts. Religiöse Popmusik erscheint als konsensfähig für einen relativ großen Teil der Gesellschaft. Und die Liturgie? Es gibt sie selbstverständlich: eine feste Grundstruktur mit Variationsmöglichkeiten - das Rad muss nicht jedes Mal neu erfunden werden. Die neue Liturgie orientiert sich an Luthers Definition von Gottesdienst (Gottes Wort und Gebet), ist allerdings einfach und elementar: Wer zum ersten Mal da ist, soll gleich mitmachen können und auch beim zweiten Mal schnell hineinkommen. Vor allem soll die Liturgie die Gemeinde nicht aufspalten in Insider und Neulinge.

Und welche liturgischen Elemente begegnen nun regelmäßig?
Zunächst die Begrüßung, die einen besonderen Stellenwert hat: Die Besuchenden sollen wahrgenommen werden, es gibt erläuternde Hinweise zum Ablauf für die "Newcomer" und oft findet eine erste Annäherung ans Thema des Gottesdienstes statt. Dann die Lieder: Sie werden oft als gesungene Gebete verstanden. Und es sind weniger als im traditionellen Gottesdienst. Wer gerade neu dazugekommen ist, soll das nächste Mal nicht wieder mit völlig anderen Liedern behelligt werden. Auch die kreativ entfaltete Verkündigung gehört zu den konstitutiven Elementen. In manchen Gemeinden wird sie fest eingeleitet, zum Beispiel durch eine hinführende Theaterszene. Oder sie wird stets mit einem „Kreuzverhör" abgeschlossen, wo die Predigerin von der Gemeinde zum Thema befragt wird. Gebete gehören zum festen Bestand des Gottesdienstes, manche fest vorbereitet, manche frei. Außerdem werden interaktive Elemente eingesetzt, beispielsweise Murmelgruppen, die sich innerhalb der Predigt zu einer bestimmten Fragestellung bilden. Bei meinen Besuchen in neuen Gottesdiensten ist mir ein liturgisches Element immer begegnet, das auch für den traditionellen Gottesdienst charakteristisch ist: der Segen. Mancherorts ist es sogar möglich, sich die Hände auflegen zu lassen und so die leibhafte Dimension des Gesegnet-Werdens zu erleben – das spricht viele Menschen unmittelbar an, auch jene, die wenig Erfahrungen mit Gottesdienst mitbringen.

Dr. Christian Schwarz ist Gemeindepfarrer in Aglasterhausen und Vorsitzender der Liturgischen Kommission. Bis August 2007 hatte er die zweijährige Projektstelle "Neue Gottesdienste" inne.
 
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